Liebe Kinder,
Weit hinter den Bergen,
in dunkelen Wäldern,
noch nicht so lange her
war die Erde flach
und war das Zentrum des Universums.
Dann ist sie rund geworden
und kreiste um die Sonne herum.
Sie war nicht mehr das Zentrum des Universums.
Sie war ein kleiner Teil  der Milchstraße, die einzige Galaxie im Weltall.
Dann ist die Milchstraße eine von Milliarden Galaxien in den weiten
des Kosmos geworden.
Jedes mal, wenn es uns erscheint alles verstanden zu haben, wird uns auch bewusst,
dass wir nur einen nächsten Teil von einem Pussle gefunden haben.
Von einem großem Pussle.

Wir leben in einer Welt in der die gestrige Außergewöhnlichkeit zur heutigen Banalität wird,
und die heutige extreme zur morgigen Norm.

Es gehört zu den schwierigsten Dingen in der Welt, auf irgendetwas einfach zu schauen.
Weil unser Geist sehr kompliziert ist, haben wir die Fähigkeit verloren, einfach zu sein.
Ich meine nicht die Einfachheit in der Kleidung oder in der Ernährung. Ich meine die Einfachheit,
die uns unmittelbar und furchtlos auf die Dinge schauen lässt. Die es möglich macht, uns zu sehen,
wie wir tatsächlich sind, ohne jede Verzerrung, die uns eingestehen lässt, dass wir lügen,
wenn wir lügen, ohne diese Tatsache zu bemänteln oder vor ihr davonzulaufen.
 
Um die Regung Ihres Geistes und Herzens, Ihres ganzen Seins aufmerksam zu beobachten,
müssen Sie einen ungebundenen, freien Geist haben, keinen Geist, der zustimmt und ablehnt,
der in einer Auseinandersetzung Partei ergreift, der über bloße Worte debattiert,
sondern der sich beteiligt, um wirklich zu verstehen.
Das ist schwer  nachzuvollziehen, denn die meisten Menschen wissen nicht, wie sie
auf ihr eigenes Leben schauen oder wie sie ihm lauschen sollen, ebenso wenig wie sie
es verstehen, die Schönheit eines Flusses in sich aufzunehmen oder dem flüchtigen Winde
zwischen den Bäumen zu lauschen.

Aber wie können wir frei sein, um zu schauen und zu lernen, wenn unser Verstand
von dem Augenblick unserer Geburt an bis zu dem Augenblick, da wir sterben,
durch eine bestimmte Kultur in den engen Grenzen der Ichbezogenheit geformt wird?
Seit Jahrhunderten sind wir geformt worden durch Nationalität, Tradition, Religion, Sprache,
Erziehung, Literatur, Kunst, Gewohnheit, Rangstufen, Konvention, durch Propaganda jeder Art,
durch wirtschaftlichen Druck, durch die Nahrung, die wir zu uns nehmen, durch das Klima,
in dem wir leben, durch unsere Familie, unsere Freunde, unsere Erfahrungen - durch jeden
nur denkbaren Einfluss.
Und entsprechend bedingt sind unsere Reaktionen auf jedes Problem.
 
Der revolutionäre Schritt in unserer Evolution, an dem wir gerade stehen, ist präzise zu unterscheiden,
was die Realität ist und was Hinweise auf
die Realität sind.

Die Philosophie Sir. Isaak Newton`s  der unsere dreidimensionale Wahrnehmung von uns und der Welt
als unabhängig von uns existierend definiert hat, steht unter der Frage.
Der Urvater des Quantenmysteriums ist das berüchtigte Dopellspaltexperiment, das besagt
dass der Beobachter die Wellenfunktion des Lichts nur durch seine Beobachtung zum kollabieren bringt. 
Was für eine Welt ist die Quantenwelt überhaupt?
Quanten verhalten sich wie eine Welle bis zu dem Augenblick in dem ein Beobachter sie misst.
In dem Moment kollabiert die Welle und die Welt der Quanten erstarrt.
Ohne Beobachter befinden sich die Quanten an keinem bestimmten Ort, haben keine bestimmte
Geschwindigkeit, sie existieren als Beschreibung ihren unendlichen Möglichkeiten.
Erst in Augenblick der Messung entscheiden sich die Quanten für einen konkreten Zustand.  

Verändert sich die Welt tatsächlich durch die Beobachtung?
Befindet sich alle Energie in eine Art Schwebezustand?
Ändern sich durch meine Messung hier die Wellenfunktionen plötzlich und überall gleichzeitig?
Existiert der Mond wenn ich ihm nicht zuschaue?

Wann werden wir fähig sein unsere Beschränkungen zu sehen?
Wenn ein Konflikt aus dem Verlangen entsteht, das Angenehme fortdauert zu lassen
oder das Schmerzliche zu vermeiden

Sie können einer Tatsache nur in der Gegenwart gegenübertreten.
Wenn Sie ihr aber niemals erlauben, gegenwärtig zu sein, weil Sie ihr immer ausweichen,
können Sie ihr auch nie begegnen.
Und weil wir ein ganzes Netz von Fluchtmöglichkeiten entwickelt haben,
bleiben wir an die Gewohnheit gebunden, ständig auszuweichen.

Es wird Ihnen gewiss nicht an Energie fehlen, wenn Sie eine unmittelbare physische Gefahr
vor Augen haben, wie etwa eine Schlange auf Ihrem Weg oder einen Abgrund oder ein Feuer.
Warum aber handeln Sie nicht, wenn Sie die Gefahr Ihres Bedingtseins, Ihrer Abhängigkeit sehen?

Wenn Sie Ihrer Voreingenommenheit, Ihres Bedingtseins gewahr werden,
wird sich Ihnen Ihr ganzer Bewusstseinsraum erschließen.
Bewusstsein ist der Gesamtbereich, in dem sich das Denken abspielt
und unsere Beziehungen ihren Bestand haben.
Alle Motive, Absichten, Wünsche, Vergnügungen, Ängste, Eingebungen, Sehnsüchte, Hoffnungen,
Kümmernisse, Freuden sind in diesem Raum vorhanden.
Aber wir haben dieses Bewusstsein in das tätige und das schlafende eingeteilt, in die oberen und unteren Ebenen.
Das heißt: Alle Gedanken, Gefühle und Tätigkeiten des Tages liegen im Bereich der Oberfläche,
und darunter befindet sich das so genannte Unterbewusstsein - die Dinge, mit denen wir nicht vertraut sind,
die sich gelegentlich durch gewisse Zeichen, Eingebungen und Träume ausdrücken.

 Wir befassen uns im Allgemeinen nur mit einem kleinen Winkel des Bewusstseins,
der den größten Teil unseres Lebens ausmacht.

Ist es nun möglich, den gesamten Bewusstseinsbereich umfassend wahrzunehmen
und nicht nur einen Teil, ein Fragment?
Wenn Sie fähig sind, das Ganze wahrzunehmen, dann leben Sie zu jeder Zeit
mit voller Aufmerksamkeit und sind nicht nur halb dabei. Es ist wichtig, das zu verstehen,
denn wenn Sie des gesamten Bewusstseinsbereichs gewahr sind, gibt es keine Spannungen.
Nur wenn Sie das Bewusstsein, zu dem alles Denken, Fühlen und Handeln gehört,
in verschiedene Ebenen aufteilen, gibt es Misshelligkeiten.

Wir leben in Fragmenten. Im Büro sind Sie ein anderer Mensch als zu Hause.
Sie sprechen über Demokratie und sind in Ihrem Herzen autokratisch.
Sie sprechen über die Liebe zu Ihrem Mitmenschen und vernichten ihn
im Konkurrenzkampf.

Wenn Sie bei dem Versuch, die Gesamtstruktur des „Ich“, des „Selbst“ mit all seinen außerordentlichen
Verwicklungen zu verstehen, Schritt für Schritt vorangehen, Schicht um Schicht bloßlegen, jeden Gedanken,
jedes Gefühl und jedes Motiv prüfen, werden Sie in einen analytischen Prozesseingefangen,
der Sie Wochen, Monate oder Jahre kosten wird.

Und indem Sie diesen Prozess des Selbsterkennens der Zeit zuordnen, müssen Sie jede nur mögliche Veränderung
in Betracht ziehen, weil das Selbst ein komplexes Gebilde ist, in ständiger Bewegung, lebendig, kämpfend,
voller Wünsche, verneinend, mit Verdrängungen und Spannungen und Einflüssen jeder Art, die unablässig
auf den Menschen einwirken.
So werden Sie selbst entdecken, dass das nicht der Weg ist.

Sie können sich als Ganzes nur sehen, wenn Ihr Geist nicht zerspalten ist.

Sie werden mit vollkommener Selbsthingabe beteiligt sein, und dann ist kein Raum mehr für Furcht vorhanden,
kein Raum für Widerspruch, dann ist kein Konflikt mehr möglich.

Wir sind so sehr mit uns beschäftigt, mit unseren  Problemen, unseren Gedanken, unseren Vergnügungen,
Plänen und ehrgeizigen Bestrebungen, so dass wir nicht unbefangen sehen können.

Und doch sprechen wir sehr viel über Bewusstheit.

Der Observer-Mum  (Schweigende Beobachter) erlaubt es Ihnen,
auch wenn nur für wenige Momente, bevor der Alltag und der Prozess der Selbstentfremdung wieder einkehrt,
seinem eigenem Beobachter auszuschalten und in der Quantenwirklichkeit auftauchen,
die jenseits jeglicher Bewertungen liegt.
Hier sind Sie im Wahrnehmen ihrer Überzeugungen und mitten im Quantenfeld der unendlichen Möglichkeiten.
Mit Ihrer Beobachtung wird eine Möglichkeit daraus ausgewählt, und diese Wirklichkeit wird in dem Moment,
in Jetzt der Messung, zur Realität.
Alle anderen Möglichkeiten bleiben danach „vergessen“.
Sobald wir beginnen Informationen zu beobachten, ohne Interesse daran, sie mit unserem bewussten Verstand
zu benennen, können wir eine ständig in uns existierende Ebene wahrnehmen.
Ein hoch aktiver Zustand geprägt von einer rezeptiven Energie.
Aktiv und gleichzeitig rezeptiv wahrnehmend, anstelle von aktiv und gestaltend.
Denn Beobachtung ist auf der quntenphysikalischen Ebene höchst aktiv, da erst genau
durch diesen Vorgang der Beobachtung, die Realitäten, wie wir sie kennen und wir sie erleben, erschaffen werden.

Wenn Sie sich so gründlich gesehen haben, dann können Sie tiefer eindringen.
Wenn wir das Wort „tiefer“, gebrauchen, wollen wir aber nicht vergleichen.

Im Allgemeinen denken wir in Vergleichen: tief und flach, glücklich und unglücklich.
Wir beurteilen und vergleichen ständig. Gibt es aber in uns einen solchen Zustand
wie das Oberflächliche und das Tiefe?
Wenn ich sage: „Mein Geist ist oberflächlich, unbedeutend, eng, begrenzt“, woher weiß ich das?
Weil ich meinen Geist mit dem eines anderen verglichenhabe, der aufgeweckter und leistungsfähiger,
der intelligenter und wacher ist. Kann ich meine Armseligkeit ohne Vergleich erkennen? Wenn ich hungrig bin,
vergleiche ich diesen Hunger nicht mit dem von gestern und auch nicht mit dem anderem, der neben mir hungert;  
der gestrige Hunger ist eine Vorstellung, eine Erinnerung.

Wenn ich mich jederzeit mit einem anderen vergleiche, darum kämpfe, ihm gleich zu sein,
dann verneine ich das, was ich tatsächlich bin, und erzeuge ein Trugbild.     

Wenn ich verstanden habe, dass Vergleiche jeder Art nur zu größerer Täuschung
und zu größerem Elend führen - wie es zum Beispiel in der Analyse geschieht, in der ich das Wissen
über mich Stück für Stück vermehre, oder wenn ich mich mit etwas anderem identifiziere,
ganz gleich, ob es der Staat ist, ein Erlöser oder eine Ideologie

Wenn ich einsehe, dass alle derartigen Prozesse nur zu verstärkter Anpassung und damit zu größerem Konflikt führen,
wenn ich das alles sehe, dann sage ich mich davon gänzlich los. Dann sucht mein Geist nicht länger.

Es ist äußerst wichtig, das zu verstehen. Dann hat mein Geist aufgehört herumzutasten, zu suchen und zu fragen.
Das bedeutet nicht, dass er mit den Dingen, so wie sie sind, zufrieden ist; nur hat er keine Illusion mehr.
Solch ein Geist kann sich dann in einer völlig anderen Dimension bewegen.
Die Dimension, in der wir im allgemeinen leben, das Alltagsleben mit seinen Schmerzen, Vergnügungen und Ängsten,
hat den Geist geformt, hat ihn eingeengt, und wenn diese Schmerzen, Vergnügungen und Ängste verschwunden sind -
was aber nicht bedeutet, dass Sie keine Freude mehr haben: Freude ist etwas ganz anderes als Vergnügen -
dann lebt der Mensch in einer anderen Dimension, in der es keinen Konflikt mehr gibt, kein Gefühl des Andersseins.

Mit Worten können wir nur bis hierher gehen: Was dahinter liegt, kann nicht mit Worten ausgedrückt werden,
weil das Wort nicht die Sache ist.

Bis hierher können wir beschreiben, erklären, aber keine Worte oder Erklärungen können die Tür öffnen.
Was die Tür öffnen wird, ist Bewusstheit und Achtsamkeit - bewusst zu sein, wie wir sprechen, was wir sagen,
wie wir gehen, was wir denken.

Wie können wir die Tür öffnen, und den sanften Wind hereinströmen lassen?

Es hängt von dem Zustand Ihres Geistes ab. Und diesen Zustand können Sie nur selbst erkennen, indem Sie ihn belauschen und niemals versuchen, ihn zu formen, niemals Partei ergreifen, sich niemals widersetzen, niemals zustimmen, niemals rechtfertigen, niemals verdammen, niemals urteilen; das bedeutet, ihn ohne wertende Unterscheidung zu betrachten.
Und in diesem wertungsfreien Gewahrsein mag sich vielleicht die Tür öffnen, und Sie werden um diese Dimension wissen,
in der es keinen Konflikt und keine Zeit gibt.

Meine Rede zur Eröfffnung der Ausstellung "Wahrnehmungschirurgie" in ACUD, Berlin